Ausgangspunkt der dargestellten Überlegungen ist, in Analogie mit meiner eigenen Bewusstseinsentwickelung in Bezug auf dieses Thema, die Frage nach dem Wesen der Natur. Auch ich war lange Zeit davon überzeugt, dass das äußere Bild das innere Wesen ausdrückt. Oder konkreter: die Stellen, wo noch viele Pflanzen oder Tiere überlebt haben, die sonstwo vom Aussterben bedroht sind oder bereits ausgestorben sind, wird man unwillkürlich als natürlich und damit als schutzwürdig erachten. Das sind in erster Linie die offenen Wiesenlandschaften, die nur ab und zu gemäht oder beweidet werden, ansonsten aber sich selbst überlassen sind und auf keinen Fall mit Dünger oder Pestiziden behandelt werden. Es gibt dort noch viele Orchideen und andere schöne Blumen, bei deren Anblick einem "das Herz aufgeht". Überdies gibt es die Naturschutzbehörden oder Interessenverbände zum Schutz der Natur, die sich den Schutz dieser Flächen zur Aufgabe gemacht haben. So viel geballter Sachverstand kann sich doch nicht irren.
Sobald man sich intensiver mit der Materie befasst, kommt man auf Zusammenhänge, die das eben beschriebene Bild in frage stellen. Diese Wiesen, wo "die Natur noch in Ordnung ist", sind dort entstanden, wo der Mensch die Flächen überbewirtschaftet hat, wo er mehr aus der Natur entnommen hat als bei nachhaltigem Wirtschaften möglich wäre. Der Ansatz muss also falsch sein. Wenn einem mehr an der Wahrheit liegt als an liebgewonnenen Sentimentalitäten, muss man nach anderen Lösungen suchen.
Bei genauem Hinsehen zeigt sich, dass das Wesen der Natur das Leben ist. Dieses Leben ist immer in Bewegung. Es gibt in der Natur keinen Stillstand, alles ist Entwicklung. Man kann das in Bezug auf die Landschaft insgesamt, auf der Ebene von Lebensgemeinschaften bis hin zum einzelnen Organismus nachvollziehen. Die Entwicklung beinhaltet Werden und Vergehen, Geburt, Wachstum, Reife und Tod. Wer glaubt, er könne einen Idealzustand des Lebens oder der Natur quasi einfrieren, der geht am Wesen der Natur vorbei und richtet möglicherweise mehr Schaden an als Nutzen.
Beim weiteren Verfolgen dieser Gedankengänge kommt man unwillkürlich in Konflikt mit der gängigen naturwissenschaftlichen Lehrmeinung, die Leben allein auf die chemischen Prozesse im Organismus zurückzuführen versucht und damit den Beginn des Lebens nur noch einem Zufall zuschreiben kann. Die Phänomene in den Grenzbereichen der materiellen Welt deuten dagegen auf ganz andere Zusammenhänge. Das kann anhand einiger ausgewählter Beispiele angeführt werden. Dazu gehören die Gewichtsveränderungen durch Lebensprozesse, die in den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts durch Rudolf Hauschka nachgewiesen wurden. Auch die Einflüsse des Mondes gehören in diesen Zusammenhang, da sie - auch wenn die wissenschaftliche Anerkennung fehlt - seit Jahrzehnten empirisch untersucht werden. Ebenfalls bereits seit den dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wird versucht, durch bildschaffende Methoden, allen voran der Kupferchlorid-Kristallisation, Aussagen über die innere Qualität von Nahrungsmitteln zu treffen. Gerade hier kommt aber auch der grundsätzliche Unterschied von toter und belebter Materie sehr deutlich in Erscheinung. Dann gibt es noch die Kirlian- oder Hochfrequenz-Fotografie, die Lebensphänomene sichtbar macht, die nach allgemeiner Lehrmeinung unmöglich sind. Beispielsweise ist in der Fotografie das Blatt einer Pflanze vollständig zu sehen, obwohl ein Teil abgeschnitten wurde.
Vieles deutet darauf hin, dass Leben kein Zufallsprodukt der Materie ist, sondern sich lediglich der Materie bedient, um sich zu manifestieren. Die (bio-)chemischen Prozesse sind nicht die Ursache, sondern die Folge des Lebens. Diese Ansicht stellt die gängige Lehrmeinung auf den Kopf und wird deshalb wenig Aussicht auf Anerkennung haben. Wer sich seine eigene Meinung zu diesem Thema bilden will, der sollte bedenken, dass es in der Geschichte der Menschheit immer wieder Situationen gab, die ein Umdenken notwendig machten. Oft geschah das nicht deshalb, weil man grundlegend neue Erkenntnisse hatte, sondern weil geringe Unstimmigkeiten im etablierten Weltbild zu einer neuen Interpretation des bestehenden Wissens drängten. Kopernikus rückte die Erde aus dem Mittelpunkt des Weltalls, Einstein rüttelt an der etablierten Vorstellung von Raum und Zeit, und Heisenberg stellt fest, dass Materie letzten Endes nichts als Illusion ist.
Die Art, wie man das Leben erklärt, ist mit entscheidend für die Art, wie man sein eigenes Leben in der Welt einrichtet. Wer das Leben materialistisch erklärt, verliert sich im Nichts, wenn er keine Gelegenheit hat, sich einen gefühlt vollwertigen Ersatz zu schaffen. In unserer Zeit sind das u.a. Geld, Macht, Ansehen, Freizeit, Urlaub - Dinge, die das Leben "lebenswert" machen und doch nur äußere Attribute sind. Wenn alles letztendlich nur Staub im Universum ist, gibt es nichts, wofür es sich zu leben lohnt. Dann muss man die kurze Zeit der bewussten Existenz nutzen, um sie sich so angenehm wie möglich zu machen. Nur in diesem Fall ist Leben Kampf ums Dasein, wo jeder soviel wie möglich an sich zu reißen versucht, und zwar ohne sich um die Folgen für andere zu kümmern. Am Ende dieser Anschauung steht konsequenterweise der nackte Egoismus, der lebenszerstörend wirkt.
Es ist nicht leicht, sich von dieser Anschauung zu befreien, da sie fest in unserem Gesellschaftssystem verankert ist. Ausgehend von Adam Smith ist der Egoismus als legitime und wichtige Triebfeder menschlichen Handelns anerkannt und etabliert. Was ursprünglich als Befreiungsschlag für selbstbestimmtes wirtschaftliches Handeln gedacht war, hat das gesamte gesellschaftliche Denken unterminiert. Egoismus als aktive Selbstbestimmung ist an sich nichts schlechtes, wenn man auf der anderen Seite sich der Verantwortung des eigenen Tun und Handelns bewusst ist. Das Fatale daran ist, dass das dazugehörige Regulativ aufgehoben worden ist. Es wurde durch den Liberalismus von Adam Smith gegenstandslos. Die Verantwortung für (sinnvolles) wirtschaftliches Handeln wird jetzt nur noch durch unpersönliche, dubiose Marktmechanismen übernommen. Die quasi wissenschaftlich abgesegnete Essenz des Egoismus lautet: Jeder strebe nur nach seinem eigenen Vorteil; die Kräfte des Marktes sorgen dann dafür, dass daraus ein Zustand entsteht, der für alle zum Wohl gereicht. Wer die heutige Situation mit offenen Augen betrachtet (auch schon vor der Banken- und Wirtschaftskrise), wird an der Wahrheit dieser Auffassung gewisse Zweifel hegen. Auch mit dem Zusatz "sozial" in Verbindung mit der Marktwirtschaft ändert sich nichts an der von vornherein falschen Ausgangsthese.
Wer dagegen Leben mehr als Kontinuum betrachtet, das nicht mit der Geburt entsteht und mit dem Tod wieder endet, sondern sich Daseinsformen sucht, in denen es sich manifestieren kann, der muss zu ganz anderen Ergebnissen gelangen. Der kommt darauf, dass der Egoist, der im Kampf ums Dasein immer der Gewinner sein will, das Leben und die Natur zerstört. Nur der fördert die Entwicklung des Lebens, der bereit ist, Opfer zu bringen, der nicht sich selbst an erster Stelle sieht, sondern den andern; oder, wie es im Neuen Testament heißt: den Nächsten. Man mag sich daran stoßen, wenn ein Verhalten, das die Religion fordert, mit im weitesten Sinne naturwissenschaftlichen Betrachtungen "durcheinandergeworfen" werden. Ich würde das anders formulieren: Die Beschäftigung mit den Lebensprozessen in der Natur führt dazu, dass religiöse Wahrheiten einen Sinn erhalten, der nicht mehr nur mit dem bloßen (blinden) Glauben zu erfassen ist, sondern vielmehr und wesentlich kraftvoller mit verstandesgemäßer Logik.
Die Frage nach dem Wesen der Natur oder des Lebens und besonders die Antwort darauf ist entscheidend für unsere Stellung in der Welt - für unsere Ziele und Wünsche, für unser Verhalten untereinander und gegenüber anderem Leben in der Natur. Bei Albert Schweitzer gipfelt das in seiner Philosophie der Ehrfurcht vor dem Leben: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will." Das Leben ist die geheimnisvolle Kraft, die uns Menschen mit allen Wesen verbindet. Sobald wir das erkannt haben, sind wir nicht mehr das Staubkorn im Universum, dessen Handlungsweise für das Universum irrelevant ist. Alles, was wir tun, hat bleibende Wirkungen und fordert die uneingeschränkte Verantwortung für jede unserer Entscheidungen. Dafür erhalten wir aber Geborgenheit und die Gewissheit, nicht verloren zu sein in der Unendlichkeit des Alls.
Ralph Eid: "Naturerkenntnis - Selbsterkenntnis; auf der Suche nach dem Sinn des Lebens"
Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt 2008
ISBN 978-3-8370-0335-2
Preis: 12,- EUR
Sie können das Buch auch gleich hier versandkostenfrei bestellen. (Falls irgendein Fehler auftreten sollte, schicken Sie mir bitte eine Mail. Es könnte sein, dass meine Programmierung nicht ganz fehlerfrei ist.)
Online-Bestellung
Die in dem Buch erwähnte Abschlussarbeit an der FH über die Populationsdynamik der heimischen Orchideen kann hier als pdf-Datei heruntergeladen werden:
Die Populationsdynamik der heimischen Orchideen. Abschlussarbeit an der FH Weihenstephan