Zwischenräume
Heute geht es um die Stiefkinder im öffentlichen Grün: Um ungeliebte
Flächen, die sich aus irgendwelchen Sachzwängen heraus ergeben.
Es handelt sich dabei um Sichtdreiecke an Straßeneinmündungen,
Mittelstreifen, Verkehrskreisel, Verkehrsbegleitgrün allgemein oder
Brachflächen und Baulücken im Siedlungsbereich, um Abstandsflächen
in Gewerbegebieten oder um gliedernde Flächen bei Parkplätzen.
Es ist das gleiche Dilemma wie in jedem Privatgarten, den man wie selbstverständlich
hat, da das Haus nun einmal nicht das gesamte Grundstück füllt.
Dort ist das die viel gepriesene Privatsphäre, auf die man so stolz
ist, zu der man aber dennoch keinen rechten Bezug gewinnen kann. Auch heute
noch, wo der Garten angeblich viel an Bedeutung gewonnen hat, wird alles
mit Rasen grün übertüncht. Die wenigsten tun das, weil sie
es schön finden – obwohl es natürlich auch Menschen gibt, für
die eine leere grüne Fläche schon ein ästhetischer Hochgenuß
ist – sondern eher aus Gedankenlosigkeit, weil das eben jeder hat, wenig
kostet und angeblich auch wenig Arbeit macht.
Es geht mir in den "Grünen Impressionen" nicht in erster Linie
darum, fertige Lösungen anzubieten. Die Themen, die hier behandelt
werden, stehen alle in einem engeren oder weiteren Zusammenhang mit der
Natur oder der Umwelt. Da wir nicht isoliert von dieser Umwelt sind, sondern
ein Teil von ihr, betrifft unser Handeln also nicht etwas außer uns,
sondern immer auch unser eigenes Dasein. Nur weil die Wirkung nicht
unmittelbar auf die Ursache folgt, übersieht man das sehr leicht.
Deshalb sei es mir erlaubt, auch bei einem scheinbar einfachen Thema
weitläufig auszuholen: Die Begrünung im Siedlungsbereich hat
vieles mit der Gestaltung oder Nutzung des Gartens gemein. Der Vergleich
mit dem Garten kann daher viel zum Verständnis beitragen.
Über Jahrhunderte war der Garten Mittel zum Lebensunterhalt. Gefragt
war, was nützt, was eßbar ist oder sonstwie verwertet werden
kann. Gartenkultur hat in diesem gedanklichen Umfeld keine Anziehungskraft.
In den letzten Jahrzehnten hat der Garten zwar seine Bedeutung für
die Selbstversorgung verloren, auf den frei gewordenen Flächen hat
sich aber keineswegs eine neue Nutzung etabliert. Vielmehr ist ein Flächenvakuum
entstanden, das lediglich als Abstandsgrün zum Nachbarn oder zu öffentlichen
Räumen Bedeutung hat (Lärmschutz/Sichtschutz). Viele betrachten
diese Flächen als nutzloses Anhängsel, das aber trotzdem einen
erheblichen Pflegeaufwand verursacht. Entsprechend gering ist daher die
Bereitschaft, für diese Flächen einen merklichen Anteil des verfügbaren
Kapitals zu investieren. Es sagt viel über die Mentalität des
Gartenbesitzers aus, wenn für den Rasenmäher mehr Geld ausgegeben
wird als für die komplette Gartenanlage.
Unsere direkte Umwelt im besiedelten Raum ist zu reinen Verkehrs- und
Nutzflächen verkommen. Es scheint oftmals, als ob das Funktionieren
der technischen Abläufe alle anderen Ansprüche des Menschen in
den Hintergrund drängt. Mit großem finanziellen Aufwand werden
Güter erzeugt, bewegt und wieder entsorgt, allein um unser materielles
Wohlbefinden zu sichern und zu vergrößern. Im gleichen Maße,
wie wir uns die Erde durch die Technik untertan machen, verkümmert
unser seelisches Leben. Wo ist noch Platz für Besinnlichkeit, für
Ästhetik und Harmonie in unserer unmittelbaren Umwelt? Einen Ausweg
suchen viele im Urlaub z.B. in wildromantischen Landschaften. Es kann aber
doch nicht ernsthaft unser Ziel sein, wenige Wochen im Jahr in großer
Entfernung das zu suchen, was wir zuhause bedenkenlos zerstört haben.
Nun sind aber, um wieder zum Eingangsthema zurückzukommen, einige
wenige Flächen – zum Leidwesen derer, die für die Unterhaltung
aufkommen müssen – nur halb zerstört worden. Da sie für
eine Nutzung nicht in frage kamen, hat man das vermeintlich einfachste
damit angestellt, nämlich Rasen angesät. Als sich herausstellte,
daß damit ein nicht unerheblicher Pflegeaufwand verbunden war, der
umso größer wurde, je kleiner die Flächen waren, da der
Anteil der Rüstzeiten unverhältnismäßig hoch ist,
kam die große Zeit der Bodendecker. Das war allerdings nicht unbedingt
ein Fortschritt. Während auch auf dem extrem verwahrlosten Rasen immer
noch Gänseblümchen für Bewegung sorgen, passiert auf den
Bodendeckerflächen überhaupt nichts mehr. Cotoneaster und Heckenkirschen
sind zwar immergrün, aber eben ausschließlich und immer nur
grün. Seit einigen Jahren sieht man Rosen als Bodendeckerpflanzen.
Auch das scheint mir nur ein marginaler Fortschritt zu sein. Die Flächen
sind jetzt nicht immer nur grün, sondern eine Zeitlang auch rot oder
weiß. Einmal gepflanzt, verändert sich nichts mehr in der Gestalt,
sondern nur noch in der Farbe. Das Entscheidende dabei ist, daß bei
allen Variationen eine statische Betrachtungsweise im Vordergrund steht.
Es macht prinzipiell keinen Unterschied, ob das Bild grün oder bunt
ist: Das was die ursprüngliche Natur ausgezeichnet hat und die eigentliche
Qualität des Lebens ausmacht, nämlich das Wachstum und die Veränderung,
ist unerwünscht. Auch die Wechselbepflanzung mit Stiefmütterchen
und Kollegen macht da keinen Unterschied. Hier wie dort geht es in erster
Linie um eine zwar farbige, aber leblose Komposition, die aus bunten Pflastersteinen
zusammengestellt nicht wesentlich anders wirken würde.
Eine Bepflanzung mit Stauden als Bodendeckerersatz hat dagegen eine
völlig andere Dimension. (Staude wird hier selbstverständlich
im botanischen Sinne gebraucht und ist also nicht gleichbedeutend mit der
bayerischen Bezeichnung für alles, was irgendwie grün ist). Im
Gegensatz zu Gehölzen, zu denen auch die Rosen gehören, sterben
bei den Stauden die oberirdischen Pflanzenteile im Herst ab. Im Frühjahr
treibt die Pflanze dann wieder aus der Wurzel aus. Sie macht jedes Jahr
von neuem die Entwicklung von Wachstum, Blüte, Frucht und Vergehen
durch, für die ein Strauch oder Baum Jahrzehnte und Jahrhunderte braucht.
Was in der Entwicklung einer Staudenpflanzung in Erscheinung tritt, bringt
das, was Leben ausmacht, viel deutlicher zum Ausdruck als alle anderen
Bepflanzungsarten.
Wir sind es gewöhnt, unser Hauptaugenmerk bei Zierpflanzen auf
die Blüte zu legen. Niemand will bestreiten, daß dieser Zustand
für uns am attraktivsten ist. Aber trotz aller Attraktivität
ist es eben nur ein Zustand, in dem nur ein Teil dessen, was Leben bedeutet,
zum Ausdruck kommt. Mit der Blüte ist in der Regel die vegetative
Entwicklung einer Pflanze, also das Wachstum, abgeschlossen. Man muß
diese beiden Entwicklungsphasen auseinanderhalten. In der Keimung und im
Wachstum tritt Leben in Erscheinung, das sich entwickeln und verwirklichen
will, sozusagen die Inkarnation einer Idee des Schöpfungsgeistes.
In der generativen Phase von der Blüte bis zur Fruchtbildung sorgt
diese Idee für die Selbsterhaltung. Zwischen Entfaltung und Erhaltung
spielt sich das Leben ab. Reine Erhaltung würde nie neues Leben gebären.
Statt mit Hilfe von Bodendeckern oder Rasen mit lebenden Wesen ein
totes Bild zu malen, können mit Stauden Situationen geschaffen werden,
wo die Lebenskräfte der Natur unmittelbar miterlebt werden können.
Wie sonst können wir wieder etwas von der Achtung und Ehrfurcht vor
dem, was auch heute noch viele Verantwortliche des öffentlichen Lebens
in schönen Reden als die Schöpfung bezeichnen, zurückgewinnen?
Ich bin sicher, daß nicht alle, die unter dem Druck der leeren Kassen
glauben, am Grün sparen zu müssen, sich über die Konsequenz
ihres Handels im Klaren sind.
Selbstverständlich wird auch der größte Idealist nicht
annehmen, daß sich etwas in unserem Denken ändert, nur weil
wir irgendwo ein paar Stauden pflanzen. Die Situation, in der wir uns jetzt
befinden, ist über Jahrzehnte gewachsen. Aber irgendwo muß man
anfangen. Und etwas mehr Lebendigkeit im öffentlichen Raum tut
der Kasse nicht weh, könnte aber eine Art Keimzelle für einen
veränderten Umgang in unserem Denken mit unserer Lebensgrundlage sein.
Für jene, denen diese Gedankengänge etwas zu suspekt vorkommen,
seien noch zwei andere Gründe genannt, die für die Verwendung
von Stauden im öffentlichen Grün sprechen:
-
Die Stauden, die für die hier angesprochenen Bereiche in frage kommen,
wachsen auch auf reinem Kies, bzw. Schutt. Auf solchen Flächen ist
der Pflegeaufwand relativ niedrig, weil die Konkurrenz durch Unkräuter
dort wesentlich geringer ist als auf guten Mutterböden.
-
Diese Flächen sind sowohl für die Bewohner, als auch für
Besucher, attraktiv. Eine Stadt oder Gemeinde kann sich auf diese Weise
mit einfachen Mitteln ein freundliches, unverwechselbares Image schaffen,
das viel zur Lebensqualität und Identifikation der Bürger mit
ihrer Gemeinde beiträgt.
Die Fotos dieser Seiten wurden freundlicherweise von der Lehr- und Versuchsanstalt Gartenbau Erfurt zur Verfügung gestellt. Sie
stammen von einer Versuchsserie, die von mehreren Versuchsanstalten in
Deutschland zum Thema Staudenverwendung im öffentlichen Bereich durchgeführt
wurden (Projekt Silbersommer)
(Anmerkung: mitlerweile gibt es ein eigenes Projekt zu diesem Thema, das unter Freiraumplanung/kommunale Objekte/Verkehrsinsel Pfarrkirchen beschrieben ist.)