NaturErlebnisRäume
In der zweiten Ausgabe der „Grünen Impressionen“
geht es um NaturErlebnis-Räume. Darunter werden Spielräume
für Kinder verstanden, die den Kontakt und die Beschäftigung
mit Naturthemen auf spielerische Weise fördern sollen. Entwickelt
wurde diese Idee durch die Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen
in Zusammenarbeit mit der Naturgartenbewegung. Es sind nach diesem
Prinzip mittlerweile viele Schulhöfe, Kindergärten und Spielplätze
neu- bzw. umgestaltet worden.
Aggressivität, Drogenprobleme, Konzentrations-
und Lernschwächen, Verhaltensstörungen – vielfach wird das soziale
Verhalten der Jugendlichen als besorgniserregend eingestuft. Hier wird
die Aufsicht verstärkt, dort werden Strafen verschärft, um die
Symptome zu bekämpfen. An die psychischen Ursachen der Problematik
wagt sich, wie es scheint, niemand so recht heran.
Eine der Ursachen wird in der Schularchitektur gesucht
(X. Rittelmeyer, Universität Göttingen, zitiert in Pappler/Witt:
„NaturErlebnisRäume“, Seelze-Velber 2001). Aggressive Architektur
aus rechteckigen Flächen, kaltem Beton und großflächigen,
pflegeleicht versiegelten Schulhöfen erzeugt bei Kindern Unwohlsein
und Angst, die sich wiederum in aggressivem Verhalten und Gewaltbereitschaft
einen Ausweg suchen.
Eine weitere Ursache, nebenbei bemerkt und ohne
Anspruch auf Untermauerung durch wissenschaftliche Studien, muß gewiß
in der Perspektivelosigkeit der heutigen Jugend gesucht werden: Die Klimadiskussion
wird jemanden, der "nur" noch 30 Jahre zu überblicken braucht, weniger
beunruhigen als den, der noch sein ganzes Leben vor sich hat. Jeder, der
mit offenen Augen durch die Welt geht, kann bereits heute die ersten Anzeichen
der Klimawende beobachten. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen,
welche Probleme noch auf uns zukommen. Auch die materielle Versorgung sieht
für die Generation, die noch nicht im Berufsleben steht, alles andere
als gesichert aus. Die Probleme um die Renten- und Krankenkassenbeiträge
können nicht nur bei sensiblen Menschen zu dauerhaften Schlafstörungen
führen. Während die einen, obwohl sie sich anstrengen, keine
Aussicht auf irgendeine Perspektive erhalten, scheint es, als ob andere,
ohne sich anzustrengen, nicht wissen, wohin mit Ihrem Reichtum. Die Idole
der Musikbranche verdienen in wenigen Monaten so viel, wie die meisten
Jugendlichen in ihrem ganzen Leben nicht verdienen werden. In einer
Gesellschaft, in der der Wert eines Menschen an seinem Besitz gemessen
wird, liegt darin sozialer Sprengstoff ungeahnten Ausmaßes. Eine
interessante Abhandlung zu diesem Thema stammt von Erich Fromm: „Haben
oder Sein“ (dtv, München 2003; 31. Auflage)
Die Probleme, die in unseren Wertvorstellungen wurzeln,
können natürlich nicht durch den Bau von naturnahen Schulhöfen
gelöst werden. Wohl aber kann die Lieblosigkeit, die in Form der beschriebenen
Schularchitektur das Gemüt der Heranwachsenden bedrückt, durch
eine lebendige Umwelt ausgeglichen werden. Das Gute daran ist, daß
man hier sofort handeln kann und auch sofort Ergebnisse erzielt. Was wir
unseren Kindern mitgeben, bestimmt auch unsere eigene Zukunft. Man möchte
fast sagen: "Wir müssen etwas tun, damit unsere Kinder nicht werden
wie wir."
Wenn man sich mit älteren Menschen unterhält,
hört man oft, wie schön das Leben in ihrer Jugend war. Sie erzählen
von ungezwungenen Spielen in der freien Natur, an und in sauberen Bächen,
in Wiesen und Wäldern. Es klingt resigniert, weil sie glauben, das
alles sei unwiederbringlich vorbei. Es ist zwar richtig, daß man
die Zeit nicht zurückdrehen kann, aber man kann etwas neues schaffen,
was in der Wirkung ähnlich ist. Die NaturErlebnisRäume verfolgen
dieses Ziel.
In den NaturErlebnisRäumen gibt es großflächige
Bodenmodellierungen mit Trockenmauern aus Natursteinen, darin unterschiedliche
Räume für unterschiedliche Aktivitäten: Spielräume
mit Kletter- und Balanciermöglichkeiten aus Stein und Holz, Kriechtunnel,
Schaukeln und Wippen, Rutschen, Wasserspielgelände; oder Ruhe- und
Kommunikationszonen mit abgeschirmten Sitzplätzen, Häuser, Hütten,
Weidentipis, Baumburgen, Höhlen; und alles ist üppig bepflanzt
mit vorwiegend heimischen Gehölzen und Kräutern, um Kindern und
Jugendlichen auf kleinstem Raum die Schätze der Natur nahebringen
zu können – wo sonst in unserer ausgeräumten und intensiv genutzten
Umwelt wird ihnen noch diese Gelegenheit geboten? Man könnte bisweilen
meinen, daß auf einem einzigen Schulgelände dieser Art mehr
Pflanzen- und Tierarten vorkommen als in der gesamten Gemeinde.
Wie bereits in der ersten Ausgabe der "Grünen
Impressionen" erwähnt wurde, gibt es seit einigen Jahren intensive
Untersuchungen zu der Wirkung von Pflanzen auf das leibliche und psychische
Wohlbefinden des Menschen, z.B. durch die Bayerische Landesanstalt für
Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim. Es sei hier auf die bereits
erwähnten Quellen verwiesen.
Die größte Skepsis bei der ersten Begegnung
mit NaturErlebnisRäumen ist meist die Unfallgefahr. Wo bisher immer
peinlich darauf geachtet wurde, daß möglichst alle potentiellen
Unfallgefahren von vornherein ausgeschlossen werden, gibt es jetzt Mauern,
einfache Kieswege und Teiche. Tatsache ist, daß die Gemeindeunfallversicherungsverbände
die schwersten Unfälle auf den betonierten "Kasernenhöfen" verzeichnen,
dort, wo jedes Hindernis aus dem Weg geräumt wurde. Dagegen kommt
es dort, wo nach landläufiger Meinung die Unfallgefahr allgegenwärtig
ist, kaum zu Unfällen, und wenn, dann nur zu leichten Verletzungen
mit blauen Flecken oder Schürfwunden. Wo die Gefahr sichtbar ist,
reagiert jedes Kind mit angeborener Vorsicht. Das NaturErlebnisKonzept
wurde auch bei der Neuauflage der DIN EN 1176/1177 berücksichtigt.
Die meisten NaturErlebnisRäume werden mit sehr
viel Eigeninitiative von Lehrern und Eltern ausgeführt. Deshalb belaufen
sich die Kosten i.d.R. unter denen von konventionellen Anlagen. Der durchschnittliche
Quadratmeterpreis liegt bei ca. 29,- €. Seit 1999 existiert
in Bayern das "100-Schulhöfe-Programm", mit dem pro Landkreis ein
Natur-Erlebnis-Schulhof gefördert wird. Meines Wissens wurde im Regierungsbezirk
Niederbayern bis jetzt erst ein Projekt in Passau gefördert.
Es würde hier zu weit führen, auf Einzelheiten
der NaturErlebnisRäume einzugehen.
Eine ausführliche Einführung in diese Thematik mit detaillierter
Beschreibung der Vorgehensweise in der Planung und Ausführung kann
in dem Buch von Manfred Pappler/Reihard Witt: "NaturErlebnisRäume"
nachgelesen werden (Kallmeyersche Verlagsbuchhandlung GmbH, Seelze-Velber,
2001).