Leben als Wirklichkeit
Wer bereit ist, die Dinge auf sich wirken zu lassen, der hat im Garten eine
optimale Möglichkeit, tiefe Einsichten über das Leben zu erfahren. Obwohl der
Garten gemachte Natur ist, sind die Prozesse, die hier ablaufen, die gleichen
wie in der ungestörten Natur. Im Garten hat der Beobachter den Vorteil, dass er
jederzeit die Möglichkeit hat, hinzuschauen. Die Nähe zu den Dingen bietet die
Gelegenheit, jede kleine Veränderung zu registrieren und mitzuerleben. Der
Stein, der sich mit Flechten und Moosen überzieht, das Holz, das langsam
vermodert und die schönsten Pilze hervorwachsen lässt, das Blatt, das im
Herbst stirbt und am Boden wieder zu fruchtbarer Erde wird - wer nicht nur mit
dem Verstand, sondern auch mit seinem Gefühl erspürt, wie das Leben die
Erscheinungen durchfließt, dem erschließen sich geheimnisvolle Weisheiten.
Auf akkurat gepflasterten Terrassen und Einfahrten ist Moos ein Störenfried.
Der schöne hölzerne Gartenzaun oder die Pergola, die vom Wurm zerfressen
werden, provozieren die erbittertste Kampfansage an alles, was sich nicht dem
Ideal des Menschen unterordnen will. Das Laub, das den Rasen erstickt
und das Pflaster beschmutzt, ist Dreck, der nur Ärger bereitet.
Wenn ich meine Umwelt als Feind ansehe, kann ich kein Verständnis für sie
entwickeln. Deshalb kann das rechte Verständnis nur in einer Atmosphäre
gedeihen, wo man sich nicht ständig sorgen muss, dass das, was man als sein
Eigentum verteidigen will, von der Umwelt zerstört wird. Auf einer
Pflasterfläche aus groben Natursteinen fällt - im Gegensatz zu einer aus
geschliffenen Fliesen - ein Fremdkörper nicht auf. Eine Pflanze, die sich
mühsam ihren Platz in einer Fuge erkämpf hat, wirkt im Kopfsteinpflaster
ästhetisch und gehört einfach dazu - zwischen Platten aus gesägtem Granit
hat sie nichts zu suchen. Die Art der Gestaltung bestimmt in hohem Maße, wie
sich meine Einstellung der Natur gegenüber entwickelt. Der Mensch wirkt auf die
Umwelt, aber die Umwelt wirkt auch auf den Menschen zurück. So rächt sich eine
feindliche Einstellung, weil die Seele arm bleibt. Sie hat gar nicht die
Möglichkeit, etwas vom Wesen der Natur mitzuerleben, weil die Natur in ihrer
Vorstellung keinen Platz hat. Den kümmerliche Rest einer Sehnsucht, die sie
sich vielleicht noch bewahrt hat, muss sie auf Wochenendausflügen oder im
Urlaub ausleben.
Ganz anders ist die Situation in einem Garten, wo Leben nicht nur geduldet,
sondern liebevoll herbeigesehnt wird. Das Blatt, das am Baum stirbt, nimmt
weiter Teil am Leben. Der Stein, der von Moosen und Flechten überzogen wird,
ist nicht tot. Er verwittert und wird irgendwann selbst zu fruchtbarer Erde.
Auch der Stamm, der vermodert, ist nicht tot. Er lebt nur anders als zu seiner
Zeit als Baum. Der Tod ist nicht wirklich. Er besteht nur in unserer Einbildung.
In der Natur ist alles Leben, das von Erscheinung zu Erscheinung fließt und nie
endet. Vielleicht kann ja aus dieser Beobachtung ein Lichtschein auf eine viel
tiefere Erkenntnis fallen, die unsere materielle Gesellschaft fast schon
ausgelöscht hat: die Gewissheit von der Unsterblichkeit der Seele.
Schöner als ich das jemals können werde, hat Albert Schweitzer diese
Einsicht formuliert und daraus seine Philosophie der Ehrfurcht vor dem Leben
entwickelt: "Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben
will...wie aus nie verdorrender Wurzel schlägt fort und fort lebendige, auf
alle Tatsachen des Seins eingehende Welt- und Lebensanschauung aus ihm (aus
diesem Satz, Anm. d. Verf.) aus. Mystik ethischen Einswerdens mit dem Sein
wächst aus ihm hervor." (Kultur und Ethik: Die Ethik der Ehrfurcht vor dem
Leben)