Lebendiger Atem
Das Ideal eines jeden Gartenbesitzers ist es, wenn zu jeder Jahreszeit etwas
blüht. Das ist schön - zugegeben. Aber ist das schon alles?
Wenn man den Vergleich zieht zu den einfallslos leeren Rasenflächen mit
Bollwerken aus Thujen, dann ist das in der Tat eine Steigerung, die kaum noch
überbietbar scheint. Und trotzdem regt sich beim Blick in die Natur ein leiser
Verdacht, als ob da draußen noch etwas anderes ist, was nicht so offensichtlich
ins Auge sticht, was erst gefunden und empfunden werden muß.
Wenn der Mensch nichts tut, dann entsteht aus einer freien Fläche in langen
Jahren ein Wald, zumindest in den gemäßigten Klimabereichen. Was hier wirkt,
ist nicht einfach unpersönliches, automatisches Wachstum, sondern eine
zielgerichtete Schöpferkraft. Es ist ein Sinn im Weben der Natur, der sich
nicht in den Erscheinungen erschließt, sondern in den Kräften, die die
Erscheinungen bewirken. Es ist Leben, das sich entfalten will, nicht um dann
beschaulich still zu stehen, sondern um sich fort und fort immer weiter zu
entfalten. Der Sinn liegt nicht im Ergebnis, sondern in der Tätigkeit. Das
Leben entwickelt sich nur, wo Fortschritt ist, Stillstand bedeutet Rückschritt.
Auch der Tod ist nicht das Ende, sondern ein neuer Anfang. Leben geht nicht
verloren, es verwandelt sich nur zu neuer Form.
Wer nicht die unsterbliche Seele kennt, kann das nie nachvollziehen.
Atheisten sind arme Menschen, denen der Sinn des Lebens immer verschlossen sein
wird.
Bis ein Wald herangewachsen ist, vergehen 100 Jahre oder mehr. Es sind andere
Dimensionen, in denen ein Menschenleben verläuft. Deshalb ist es so schwer, die
Spur des Lebens aufzunehmen und zu verstehen. Was uns allenfalls auffällt, das
ist das Werden und Vergehen im Lauf der Jahreszeiten, das Grünen und Verdorren,
das sich Jahr für Jahr wiederholt. Das Rad des Lebens, das sich stumpfsinnig
immerfort weiterdreht. Die Wahrheit ist umfassender: Es ist kein Kreis, sondern
eine Spirale, in der sich das Leben weiterentwickelt. Es ist eine Frage des
Standpunktes, ob man nur den Kreis zu sehen bekommt, oder eine langgezogene
Feder, die ohne Anfang und Ende ist.
Es gibt etwas im Garten, das in enger Beziehung steht zu dem, was als Leben
die Natur durchflutet. Etwas, das sich nicht nur im Wechsel der Farbe zeigt,
sondern das wie im Zeitraffer die Entwicklung veranschaulicht, für die die
Natur sich Jahrhunderte Zeit läßt. Auch hier gibt es Wachstum aus dem Nichts
heraus, das im Verlauf von wenigen Wochen und Monaten geradezu explodiert und
kulminiert, das dann aber ausruhen muß, um neue Kräfte aus der Erde zu
schöpfen, und im nächsten Frühjahr gestärkt zu neuem Wachstum erwacht.
Wer bewußt die Entwicklung eines Staudenbeetes verfolgt, wie z.B. Gräser in
drei Monaten von 0 auf 200 cm emporschießen, der kann etwas von dieser Kraft
nachempfinden. Man kann mitfühlen, wie der Raum, der im Frühling noch leer und
weit ist, sich füllt und immer enger wird. Als ob da etwas wäre, das einatmet,
die Kräfte aus dem Kosmos und der Erde saugt und sich aufbläht und ausdehnt,
im Sommer kurz die Luft anhält, um die Kräfte wirken zu lassen, und im Herbst
wieder ausatmet, die Kräfte der Erde in den Kosmos strahlt und die des
Kosmos der Erde übergibt.