Garten - Leben erleben
Wenn ich von einem Erlebnis im Garten rede, meine ich in der Regel etwas anderes als das, was in Publikationen zum Garten gemeint ist. Auch das, was der Verband GaLaBau in den letzten Jahren auf großformatigen Werbeplakaten als Gartenerlebnis zur Schau stellt, geht am Thema vorbei. Vieles, was in dieser Hinsicht propagiert wird, strebt ein äußeres Erlebnis an, eine Art Sensationserlebnis. Man hat von der Werbung gelernt, dass man immer etwas neues bieten muß, um am Ball zu bleiben. Das hat zur Folge, dass man sich nur noch um das äußere Bild kümmern kann, ohne auf die tieferen Inhalte einzugehen. Was in der Kleidermode Jahr für Jahr in immer gleichen Zeremonien abläuft, geschieht auch in allen anderen Lebensbereichen, vielleicht etwas subtiler, aber nicht grundverschieden. Der Zwang von einer schrillen Sensation zur nächsten lässt keine Zeit zur Muße, sondern erfordert die volle Konzentration auf die äußere Erscheinung.
Auch die Gärtnerzunft ergibt sich diesem Zwang zur Veräußerlichung. Vieles von dem, was beispielsweise in den Wettbewerben der grünen Branche heutzutage Erfolg hat, ist ein Gebilde von abstrakten Farben und Formen, das vielleicht der Sensationslust genügt, aber nicht dem Streben nach realem Inhalt.
der Garten ist kein Sensationsereignis
Was dagegen hier unter einem Gartenerlebnis verstanden wird, geht mehr in Richtung eines Miterlebens, eines Mitfühlens. Hier wird weniger der Verstand angesprochen, sondern eher das Gemüt. Es geht nicht um eine Sensation, sondern um ein inniges Verständnis von allem, was als Lebensprozess im Garten in Erscheinung tritt. Die Voraussetzung dafür ist, dass bei der Gestaltung bewusst Wert auf dieses Ziel gelegt wird.
Wir haben uns in unseren Lebensabläufen und Lebenseinstellungen sehr weit von der Natur entfernt. Unser Leben wird von der Technik bestimmt. Wir halten uns 90 % unseres Lebens in geschlossenen Räumen auf. Das tun wir nicht, weil wir die Natur nicht brauchen. Im Gegenteil: Je mehr wir uns von der Natur entfernen, desto größer wird auch die Sehnsucht nach einer Rückbesinnung dorthin, wo unsere Existenz gründet. Der Erfolg und das Wachstum der Gartenbranche ist ein deutliches Zeichen dafür. Nur ist die Existenz des Gartens noch lange keine Gewähr dafür, dass man das, was man – meist unbewusst und auch gewiss nicht jeder – im Garten sucht, auch wirklich dort findet. Man wird es nicht finden, wenn man den Garten als reine Freizeitoase betrachtet, ein Raum im Freien, wo man Grillen kann, mit Kindern spielen, Sonnenbaden und dergleichen mehr. Das alles kann und soll ein Garten durchaus bieten, und für die meisten Gartenbesitzer wird das sogar ausreichen. Schließlich ist der Garten ein Platz, den man für seine eigenen Bedürfnisse anlegt und gestaltet.
Der Garten ist für den Bewohner, also für den Menschen da. Das bedeutet ganz besonders in der heutigen Zeit, wo die Grundstücke immer teurer und damit kleiner werden, dass er viele unterschiedliche Nutzungen auf engem Raum gestatten muss. Man sollte meinen, je mehr der Mensch für seine eigenen Bedürfnisse gestaltet und nutzt, desto weniger Platz wird für die Natur vorhanden sein. Es ist aber beileibe nicht so, dass das eine das andere ausschließt. Es gibt zwar Nutzungen, die sich nicht gut oder gar nicht miteinander vertragen. Wo Kinder Fußball spielen, haben anspruchsvollere Pflanzen beispielsweise kaum eine Chance. Überall dort allerdings, wo keine unkontrollierten Bewegungsaktivitäten die Pflanzenentwicklung stören, ist das Miteinander von Mensch und Natur durchaus möglich.
Natur als Lebensproszess
Wenn man die Natur als etwas begreift, was im Leben, in den Lebensprozessen wie Wachstum, Blüte, Reife und Tod in Erscheinung tritt, dann hat man auch im Garten durchaus die Möglichkeit, diese Entwicklungsprozesse nicht nur anzuschauen, sondern auch mitzuempfinden. Und gerade dazu bietet der Garten eine einmalige Gelegenheit, weil nämlich die gleichen Prozesse, die in der Natur räumlich weit nebeneinander oder in mehr oder weniger großen Zeiträumen nacheinander ablaufen, hier in unmittelbarer Nähe kompakt und wie im Zeitraffer erlebt werden können. Leben in der Natur: das ist nicht das immergrüne Blatt, das sich nie verändert, sondern Pflanzen, die wachsen, blühen und wieder absterben. Das ist auch nicht ausschließlich die schöne, lang andauernde Blüte beispielsweise einer immer wieder remontierenden Rose, sondern die Abfolge von Blühaspekten, die sich in Form, Farbe und auch bzgl. der Üppigkeit stetig verändern. Das ist also kein Garten, in dem sich nichts verändern darf, sondern einer, in dem eine dynamische Entwicklung herrscht.
Um von vorneweg allen Missverständnissen vorzubeugen: Mit Entwicklung im Garten ist nicht Nichtstun gemeint. Das wäre Wildnis: die braucht aber viel mehr Raum. Auch wenn das Wesentliche der Natur im engen Gartenraum ebenso zur Geltung kommen kann wie in der freien Landschaft, ist und bleibt der Garten ein Kulturobjekt, das im besten Falle idealisierte Natur ist. Um das Entscheidende dieser Sichtweise herauszuarbeiten, muss der Gartenraum intensiv gestaltet und gepflegt werden (wobei mit intensiver Pflege nicht eine Vollzeit-Arbeit gemeint ist, sondern eher die intensive Beschäftigung mit dem, was zur Erhaltung oder Weiterentwicklung notwendig ist).
Den entscheidenden Anteil an dieser Art der Gestaltung haben die Stauden. Sie bieten nicht nur das, was ein grundsätzlicher Anspruch an den Garten ist, nämlich die Blütenfarben, sondern darüber hinaus eine Dynamik in der Form, die von Gehölzen in diesem Maße nicht annähernd erreicht wird. Da die oberirdischen Teile der Stauden im Winter in der Regel absterben, müssen sie in kurzer Zeit, i.d.R. im Laufe des Frühjahrs, die gleiche Entwicklung durchmachen, für die ein Strauch Jahre und ein Baum Jahrzehnte braucht. Bei einem Lavendel fällt das lange nicht so deutlich ins Auge wie bei einem Phlox, der 1,50 m hoch wird, oder noch deutlicher bei einem Chinaschilf mit 2,50 m Höhe. Bei den Stauden kommt also ein entscheidender Aspekt hinzu, der bei konsequenter Berücksichtigung nicht nur Auswirkungen auf die Farbe hat, also durch die Blüte, sondern ebenso deutliche Auswirkungen auf den Raum. Während im Spätwinter, wenn die Stauden zurückgeschnitten sind, die Flächen kahl und leer sind, wächst die Fläche gewissermaßen in den nächsten Wochen und Monaten in die Vertikale, in die dritte Dimension. Dadurch ändert sich das gesamte Raumgefüge, der Eindruck des Beobachtenden. Wo im Spätwinter Weite oder Leere herrscht, wird es im Sommer eng. Dieser Effekt ist auf kleinen Grundstücken viel deutlicher als auf großen. Dieser Wechsel zwischen Weite und Enge kann ein Gefühl dafür vermitteln, wie der Raum mit Leben gefüllt wird, wie Leben in Tätigkeit und Entwicklung in Erscheinung tritt. Im Garten ist man mittendrin in diesem dynamischen Geschehen, man kann das alles hautnah miterleben. Im Garten kommt einem die Natur in einem menschlichen Maß entgegen, dezent und subtil, freundlich und mitteilsam. In der freien Landschaft dagegen ist die Natur groß und gewaltig, dort kommt eher die Gewalt der Natur zum Ausdruck, vor der man sich schützen muss. Gewitter und Stürme, Platzregen und Überschwemmungen, Dürre und Mangel. Oder das Erhabene, nicht zu begreifende: Gebirge, Meere – die Unendlichkeit des Raumes.
Der Garten kann, je nach der Mentalität des Besitzers und dem Können des Gestalters, beides sein: eine leere, lieblose Abstandsfläche zwischen zwei Häusern, auf der ein paar Gräser ein kärgliches Dasein fristen, oder ein Fenster in die Tiefen des Daseins, wo man sich selbst als Teil eines umfassenden Lebens fühlt.
Die Fotos auf dieser Seite zeigen drei Beispiele von Situationen, die einmal im Winter und dann wieder im Sommer fotografiert wurden, und zwar etwa vom gleichen Standort aus
(näheres und ausführlicher in meinem kleinen Buch: Naturerkenntnis – Selbsterkenntnis)